Ein heimlicher Anarchist
Der Improvisator und Komponist Alfred Zimmerlin im Gespräch mit Torsten Möller
Torsten Möller: Gehört eine gewisse Extrovertiertheit zu den Voraussetzungen, die ein Improvisator mitbringen sollte?
Alfred Zimmerlin: Nein, das will ich nicht behaupten. Für mich besteht die Kunst – sei es bei der Interpretation, der Improvisation oder der Komposition – darin, das lebendige Wesen, das «Musik» ist, gemeinsam mit allen Beteiligten in einem Netz zu halten. Und das kann natürlich auf zurückhaltende, ja sogar schüchterne Art genauso gelingen wie durch eine Extrovertiertheit.
Oft hört man, Komposition sei vorhersehbar, Improvisation hingegen zeichne sich dadurch aus, dass immer und zu jedem Zeitpunkt alles möglich ist. Beides stimmt nicht ganz Bei der Improvisation scheint mir wie auch in komponierter Musik eine Spezialisierung ganz offensichtlich: Von sogenannter «Hardcore Laptop Impro» bis hin zu sophistisch tastenden Klang- und Geräuscherkundungen gibt es heute – analog zur ausdifferenzierten Gesellschaft – diverseste Spielarten der Improvisation. Wenn ich in ein Konzert, sagen wir des Berliner Ensemble Phosphor, gehe, dann habe jedenfalls ich recht konkrete Vorstellungen, die meines Erachtens auch eingelöst werden.
Gerade diese von Ihnen erwähnte, wohl vor allem aus der Neuen Musik kommende Klang- und Geräuschkonzentration ist heute zu einer gewissen Mode geworden. Für mich will ich die Tatsache relativieren, dass in einem meiner Konzerte das eingelöst wird, was der Kritiker zumindest für wahrscheinlich hält. Sicher trage auch ich meinen Rucksack mit mir rum. Aber ich kenne – wie meine Mitspieler meist auch – durch meine mittlerweile Jahrzehnte lange Improvisationspraxis Strategien der Selbstbe- und sogar - hinterfragung. Gerade im Kollektiv entstehen so immer wieder neue Konstellationen, die zu bewältigen höchste Konzentration, Anspannung und Wachheit erfordert. Ansonsten schlüpft dieses «Wesen Musik» ganz schnell hinaus aus dem Netz.
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Die vollständige Version dieses Interviews ist in der DISSONANCE 111 erschienen.
